Hohe Preise für Düngemittel.

Keine Entspannung in Sicht.

Die Preise für Düngemittel sind im letzten Jahr rasant gestiegen. Woran das liegt, wie Betriebe darauf reagieren können und welche Entwicklungen für 2022 zu erwarten sind, erklären Antje Bittner, Zentralbereichsleiterin Marketing und Verkauf und Dr. Maximilian Severin, Marketingleiter Düngemittel der SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH in Wittenberg.

TRENDS: Wie weit liegen die aktuellen Preise für N-Dünger derzeit über dem langjährigen Normalniveau?

Dr. Maximilian Severin: Seit Anfang des Jahres 2021 haben sich die Preise für N-Dünger verglichen mit den Vorjahren im Schnitt etwa verdreifacht.

TRENDS: Wo liegen die Ursachen für diesen enormen Preissprung? Ist das allein mit der Corona-Pandemie zu erklären?

Antje Bittner: Nein, Corona ist nur ein Faktor. Letztlich ist es ein Zusammenspiel mehrerer ungünstiger Entwicklungen. Auf der Produktionsseite ist der entscheidende Faktor der Preisanstieg für unseren wichtigsten Rohstoff, Erdgas. Die Preise haben sich von Mitte 2021 bis heute (5.1.2022) verfünffacht! Auch die Kosten für CO2-Zertifikate haben sich nahezu verdoppelt und verteuern die Produktion. Hinzu kommt, dass die Preise für die Logistik der erzeugten Dünger gestiegen sind. Frachtraum für Schiffe ist knapp und teuer. Außerdem fehlen in Deutschland 80.000 LKW-Fahrer, vor allem für Spezialtransporte, die wir für unsere Düngemittel brauchen. Dazu kommt, dass wichtige Herstellerländer für N-Dünger wie China ihre Exporte massiv zurückgefahren, um die heimische Landwirtschaft zu versorgen. Auch das treibt die Preise.

TRENDS: Wie reagieren die Landwirte auf die hohen Preise?

Dr. Severin: Viele Betriebe haben mit dem Einkauf von Dünger lange gezögert in der Hoffnung, die Preise würden bald sinken. Inzwischen haben aber die meisten Landwirte erkannt, dass sie trotz der hohen Preise jetzt kaufen müssen, um im Frühjahr überhaupt Dünger zu haben. Viele sichern sich jetzt aber nur einen Teil ihres Düngerbedarfs und hoffen auf sinkende Preise im zeitigen Frühjahr.

Viele Betriebe haben mit dem Einkauf von Dünger gezögert in der Hoffnung, die Preise würden bald sinken.

TRENDS: Viele Betriebe denken auch darüber nach, ihre N-Düngung zurückzufahren und geringere Erträge in Kauf zu nehmen. Eine kluge Entscheidung?

Dr. Severin: Das hängt von vielen Einflussfaktoren ab, vor allem von den Standortbedingungen und der Ertragserwartung. Letztlich muss dafür jeder Betrieb eine individuelle Kosten-Nutzen-Analyse machen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass bei den aktuellen Erzeugerpreisen für Raps und Weizen (Stand Januar 2020) eine 100-%-N-Düngung die betriebswirtschaftlich günstigste Lösung ist. Bei der Erzeugung von Qualitätsweizen ist eine verringerte N-Düngung ohnehin schwierig.

TRENDS: An welchen Stellschrauben können Landwirte noch drehen, um den derzeit teuren N-Dünger möglichst effizient zu nutzen?

Antje Bittner: Da gibt es viele Ansätze. Zunächst sollte man noch mehr als sonst die Grundsätze der guten fachlichen Praxis berücksichtigen. Dazu gehört zum Beispiel nicht nur Stickstoff, sondern alle Nährstoffe im Blick zu haben. Fehlt es zum Beispiel an Schwefel, können pro Hektar bis zu 15 kg Stickstoff nicht genutzt werden. Eine genaue Bodenanalyse mit den enthaltenen Nährstoffen ist ebenfalls sinnvoll, um so exakt wie möglich nach Bedarf aufzudüngen. Wichtig ist auch, die erste N-Gabe sehr zeitig im Frühjahr auszubringen, um die Feuchtigkeit im Boden für die Düngeraufnahme zu nutzen. Denn gerade in Ostdeutschland trocknen die Böden im Frühjahr sehr schnell ab, sodass zu spät ausgebrachter Dünger oft ungenutzt auf der Oberfläche bleibt und der Stickstoff an die Atmosphäre verloren geht. Wir empfehlen außerdem N-Dünger mit Urease- und Nitrifikationsinhibitoren. Damit lassen sich größere N-Verluste in Form von Ammoniak oder Nitrat vermeiden. Und natürlich sollte man, soweit verfügbar, Wirtschaftsdünger einsetzen. Auch hier sollten die Nährstoffgehalte vor der Ausbringung möglichst genau bestimmt werden.

TRENDS: Welche Möglichkeiten bietet das Precision Farming?

Dr. Severin: Gerade bei sehr hohen Preisen für Dünger wie zurzeit machen sich Programme zur Düngeoptimierung wie 365FarmNet Crop View besonders bezahlt. Grundsätzlich kann man sagen: Je besser man seine Flächen kennt, desto effizienter kann man sie düngen. Helfen kann dabei auch ein Stickstoffsensor wie der CLAAS Crop Sensor ISARIA, mit dem man auch unabhängig von der Bewölkung eine angepasste Düngung vornehmen kann. Dabei sind über mehrere Jahre erhobene Daten zur Düngung und zu den Erträgen in den Teilbereichen eines Schlages natürlich sehr hilfreich. Das langfristige Basiswissen über die Fläche ergibt sich aber vor allem aus Bodenanalysen.

TRENDS: Wie werden sich die Preise für N-Dünger in diesem Jahr entwickeln?

Antje Bittner: Das hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Aber wir gehen davon aus, dass wir mindestens im ersten Quartal 2022 weiterhin hohe Gaspreise und damit auch hohe Preise für N-Dünger haben werden. Denn im Winter bleibt auch der private Gasbedarf hoch und die politischen Rahmenbedingungen mit wichtigen Exportländern wie Russland scheinen vorerst schwierig zu bleiben. Auch aufseiten der Logistik wird sich kurzfristig nichts ändern, der Mangel an LKW-Fahrern lässt sich so schnell nicht auflösen. Unser Rat an die Betriebe ist, die nächste Düngesaison frühzeitig zu planen und sich ab Mitte des Jahres zumindest mit einem Teil der benötigten Mengen einzudecken.